Schuld ist meine Mutter: Sie ist im 7.Monat schwanger als sie mit mir, als Co-Pilot im Bauch, in einem Opel Rekord über die Autobahn rast, mit damals unverschämt schnellen 120 km/h. Kein Wunder, wird sie später sagen, daß ich nach diesem praenatalem Temporausch Rennfahrer werden will. Klar, daß irgendwann mein erstes Wort „Auhu“ ist, erst später bekommen die Worte „Mami“ oder „Papi“ eine gewisse Bedeutung. Bereits mit eineinhalb Jahren hoffnungslos dem Matchbox-Fieber verfallen, kenne ich schon vor der Einschulung PS-Zahl, Hubraum und Höchstgeschwindigkeit aller Autos auswendig.
Größter Fehler der Eltern ist ein gut gemeintes Geschenk in Form einer Carrera-Rennbahn. Von nun an werden sie in den Wahnsinn getrieben – 12- und 24-Stundenrennen auf der Carrera-Bahn gehören zur Tagesordnung. Alle angebotenen alternativen wie z.B. Klavierunterricht werden nach kurzer Testphase abgelehnt. Mit neun Jahren baue ich jede Woche ein neues Seifenkistl, stürze mich mit in windigen Sperrholz-Raketen jede steile Bergstraße hinunter. Ohne ESP und Überrollkäfig lassen sich Prellungen und Gehirnerschütterungen nicht vermeiden, auch, weil ich auf dem Kopf eine Dash-Tonne mit Sehschlitz als Helm trage. Die Vorbereitungen zur Münchner Seifenkisten-Meisterschaft kosten ein Jahr am Gymnasium.
Mit 13 kommt das erste Mofa, und während sich unter die Spielkameraden besonders abends immer mehr Mädchen mischen, hole ich tagsüber verstohlen die Matchboxkiste aus dem Regal. Meine erste, heimliche, Testfahrt mit dem VW 1600 T L meiner Mutter (selber schuld, s.o.) starte ich mit 15, ein Jahr später kaufe ich mir mein erstes Auto, einen Austin Healey Sprite „Froschauge“. Das Restaurieren des Froschs und das gleichzeitige Jobben, um den Kredit für den Autokauf abzuzahlen, kosten wiederum ein Jahr am Gymnasium. Außerdem gibt es Ärger mit dem Vater, seine Garage wird für zwei Jahre meine Werkstatt. Mit 17 der erste Crashtest mit dem VW meiner Mutter – wieder großer Ärger. Dafür ist der Froschauge langsam fahrbereit.
Nach dem Führerschein wird der Austin an einen Freund „verpfändet“, damit ich mir den Besuch auf einer Rennfahrerschule finanzieren kann. Das Risiko lohnt sich, Klassenbester im Formel Ford auf der Jim Russell-Rennfahrerschule am Salzburgring. Kurz vor dem Abi dann der Einstieg in den „professionellen“ Rennsport: meine Mutter nimmt für mich einen Kredit auf (war sie mir ja schuldig, s.o.), ich kaufe von Peter Oberndorfer einen gebrauchtren Renault 5 Alpine-Cup. Christian Danner steuert seinen alten Helm (mit der Dash-Tonne darf ich nicht fahren) und einen Satz abgefahrener Rennreifen bei. Strietzel Stuck unterstützt das Projekt mit seinem guten Namen und DM 5000.-. Leider ist der alte R5 hoffnungslos unterlegen und auf der Hatz nach guten Zeiten bleibe ich öfters in den Leitplanken hängen. Am Ende der Saison ist das Auto kaputt, das Geld weg und ich sause fast durch´s Abi.
Fasziniert vom blonden Leben in Kalifornien breche ich mein Studium ab und arbeite ich als Mechaniker an der Jim Russell-Rennfahrerschule in Riverside nahe Los Angeles. Für die Arbeit gibt´s kein Lohn, aber dafür kann ich umsonst bei Formel-Ford-Rennen in Riverside und Laguna Seca starten. Schnell lerne ich die amerikanische Maxime, Life, it´s all Chicks and Cars, und gewinne irgendwann mein erstes Rennen. Kurz vor der Pleite frage ich Paul Newman, ob er mich sponsern möchte, aber Paule sucht gerade selbst für seinen eigenen Rennwagen noch ein paar Dollar, also kehre ich nach München zurück.
Neben dem Studium verdiene ich mir Geld mit Taxifahren und Moderationen um Rennen in der Formel-Ford, Formel-Ford 2000 und Formel 3 bezahlen zu können. Ein zu spät getimter Tritt auf die Bremse beenden vorerst meine Rennfahrerambitionen: der Formel-Renner ist Schrott und nicht versichert. Aber Testfahrten in einem echten Formel 1 zeigen mir Jahre später, daß Schumi und Hamilton sowieso in einer anderen Liga fahren.
Also wechsele ich erst einmal von hinter dem Lenkrad vor die Kamera: Ich moderiere den ADAC-GT-Cup im DSF, später dann „MotorVision“ und „MotorVison Classic“. Außerdem drehe ich Filme für BMW, Mercedes usw. und inszeniere eine Dokumentation über Graf Berghe von Trips. Angenehme Nebenwirkung meines Jobs, ich werde ab und zu eingeladen wieder Rennen zufahren, u.a. für Alfa beim 24h-Rennen am Nürburgring, mit einem Porsche bei Oldtimer-Rennen, Mini-Challenge usw. – und das Tolle ist, ich muß mir keinen Helm und keine Reifen mehr leihen.
Neben den Moderationen habe ich beruflich noch ein „R“ an Auto gehängt und arbeite als freier Autor und Regisseur für´s Fernsehen. Mein erster kleiner 35mm-Kinofilm wird immerhin der „drittbeste Kurzfilm der Welt 2006“, wenn schon nicht Formel-1-Weltmeister, dann immerhin dort noch ein Podiumsplatz als kleiner Trost. Aber ob Autos oder Oscars, Sabine läßt sich davon nicht beeindrucken, vielleicht kann ich sie ja in den nächsten 100 Folgen von „Test the Max“ überzeugen…
P.S. Der Austin Healey Froschauge steht immer noch in der Garage und vor ein paar Jahren habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt, einen Porsche 911S, Baujahr `73. Wenn ich nur wüßte, wo die Carrera-Rennbahn steckt.